Bewußtsein versus Gewohnheit

Bewusstsein-295x300Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt man. Das, was ihn neben dem Verstand über das Tier erhebt, ist sein Bewußtsein. Und das Bewußtsein wirkt der Gewohnheit entgegen. Beide kommen niemals zusammen, sowenig wie man sich dem Osten nähert wenn man dem Westen entegegenläuft. Entweder handele ich mit vollem Bewußtsein oder aber ich tue es aus Gewohnheit, ohne wirklich vorher darüber nachgedacht zu haben oder während meiner Handlung dieselbe nicht mit dem Verstand zu begleiten. Es wurden lediglich die entsprechenden Nervenpulse gesetzt, um bestimmte Bewegungen in Gang zu setzen. Dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf die Physis des Menschen, sondern auch auf seine Sprache und absurderweise auch seine Gedanken, zumal sie eigentlich das Werkzeug sein sollten, mit der man Gewohnheiten in Frage stellt, was aber später noch näher betrachtet wird.

Grundsätzlich müssen Gewohnheiten nichts tadelnswertes sein, mit der Voraussetzung immer zu wissen, warum man etwas tut, sagt oder denkt. Vor dem Frühstück ein Glas warmes Wasser zu trinken, kann eine Gewohnheit sein. Der eine jedoch tut es, weil es seine Eltern nie anders getan haben, der andere dagegen hat sich bewußt dafür entschieden,  weil er  auf Grund von Wissen von den Vorzügen dieser Handlung überzeugt ist, selbst wenn es am Ende doch nur eine  These sein mag und auch seine Eltern diese Gewohnheiten hatten. Die Handlung ist die selbe und in ihr nichts Verwerfliches zu finden, doch die Beweggründe und Intentionen sind verschieden. Verwerflich und oftmals dumm ist es etwas zu tun, nur weil es andere getan haben, selbst wenn es die eigenen Väter taten und zur Gewohnheit hatten. Verwerflich deshalb, weil er seinen eigenen Verstand gänzlich vernachlässigt hat, was in anderen Fällen dazu führen kann, dass auch die Tat selber verwerflich und schlecht oder schädlich ist.

Die Folgen und Auswirkungen der Gewohnheitstaten und -gedanken können unbedeutend bis schwerwiegend für das Indivuduum aber vor allem für die Gesellschaft und über Nationen hinaus ausfallen, je nach Art und Schwere der Tat oder Überzeugung. Der Kampf gegen andere Nationen, Religionen, Rassen, Klassen und Minderheiten, waren in der Menschheit nicht selten die Folge von Unwissenheit und Intoleranz, die sich oftmals von Generation zu Generation übertragen hat, ohne das der einzelne überhaupt wußte, warum er seinen Gegenüber aus tiefstem Herzen hasst oder fürchtet. Aus der jüngsten Geschichte sind es die Genozide in Ruwanda und Bosnien, die uns das deutlich vor Augen führen, in denen der Nachbar den Nachbarn erschlug. Und bei der Frage „Warum“ bleiben die Täter stumm, weil sie es schlicht und ergreifend selber nicht verstehen. In der Gegenwart ist der Kampf gegen den Terror eine Floskel, die schon gewohnheitsmäßig abgespult wird und inzwischen jede erdenkliche Tat, selbst die Folter, rechtfertigt, von der wir dachten, das sie ein dunkles Kapitel unserer Geschichte sei. Auch nicht wirklich hat in Deutschland irgendjemand geglaubt, dass sein Land am Hindukusch verteidigt wird, was er beim ersten Mal verstanden aber wogegen er nicht protestiert hat, um es später dann immer wieder akustisch aufzunehmen, doch weiter als zum Gehör gelangt es nicht mehr.

Der Mensch wandelt in seinem Alltag ständig zwischen diesen zwei Komponenten: Gewohnheit und Bewußtsein. Im Grunde genommen läuft er immer Gefahr in Gewohnheiten zu verfallen, da der Verstand kein Automatismus ist, sondern ein „Gerät“, das eingeschaltet werden möchte. Allein Gedanken zu haben, heisst noch lange nicht, dass der Verstand zugegen ist. Die Gedanken kommen oft von selbst ohne besonderes Zutun, meistens durch äußere Reize gesetzt. Man kann also durchaus ein Denker sein ohne Verstand, indem man nur das denkt, was alle anderen denken oder jemand anderes vorgedacht hat, ohne es mit eigenem „Werkzeug“ bearbeitet zu haben. Dagegen könnte man argumentieren, dass Wissen eine Ansammlung von Informationen ist. Ja, aber Wissen ist nicht gleichzusetzten mit Verstehen. Und der Verstand steht nahe der Weisheit und wieviele Wissende sind jedoch von der Weisheit weit entfernt.

Trotz des massiven Angebots an Informationen, mit dem der Mensch in der heutigen realen und virtuellen Welt täglich konfrontiert wird, kann man nicht behaupten, dass die Söhne und Töchter Adams, weiser und klüger geworden sind. Eine und meine These ist, dass sie gerade wegen diesem Überangebot an vermeintlichem Wissen geistig stagnieren, da sie kaum noch Zeit und Kraft und oftmals den Mangel an Bereitschaft haben , Informationen zu verarbeiten und im Allgemeinen die intelektuelle Fähigkeit vermissen lassen, das Richtige vom Falschen zu trennen.

Damit also der Mensch weiterhin für sich den Anspruch erhebt, sich im wesentlichen vom Tier unterscheiden zu möchten, und sein Leben nicht mehr nur nach Trieben und Gelüsten auszurichten, ist er gefordert seinen Verstand zu benutzen und in jeder Hinsicht bewußt zu leben. Unser Alltag sollte mehr beinhalten als Essen, Trinken, Schlafen und neuerdings Spielen. Das Bewußtsein erfüllt nicht nur den Zweck der Unterscheidung zwischen Mensch und Tier, sondern dient auch zur Selbstreflektion und als Schutz vor jenen Taten und Worten, die einem selber aber auch anderen Schaden könnten. Wenn man aufgibt Dinge zu hinterfragen und nach der Wahrheit zu streben, läuft man Gefahr einem Schafe gleich geführt zu werden, statt der Hirte über seiner selbst zu sein.

Bei dem Wort Wahrheit zucken schon einige zusammen und positionieren sich zum Angriff: Wer vermag schon für sich den Anpruch zu erheben, die Wahrheit zu kennen? Für sie hat jede Münze zwei Seiten und alles ein Pro und ein Contra, aber nur so lange geschossen wird. Um eigene Ansichte und Ideolgien zu verteidigen, werden die Münzen weggesteckt und die Rute des Lehrers herausgeholt. Oder gibt es etwa neuerdings in Darwins Thesen zwei Meinungen? Eine Alternative zur Demokratie? Es gleicht schon an Ketzerei, solche Themen und Begriffe überhaupt zur Diskussion zu stellen.

Die Wahrheit ist oftmals leichter zu finden, als einem das durch die gesamte Schullaufbahn und darüber hinaus immer wieder suggeriert wurde. Sie ist nicht allein Angelegengheit des Philosophen, Denkers oder Intelektuellen, sondern muss die jedes Individuums sein. Und was hilft uns auf dem Weg der Wahrheihtsfindung: das Bewußtsein gekoppelt mit dem Verstand.

Es gibt natürlich unzählige Facetten in unserem Leben und Alltag, die Fragen aufwerfen und hinterfragt werdem möchten, das was mich jedoch am meisten bewegt und mit Sicherheit viele andere ebenso, ist nicht das Leben, sondern das was es umschließt: das Vor und Danach. Die Wahrheit ist, dass das Leben des Einzelnen zeitlich gesehen letztlich nur ein winziger Punkt auf dem Erdkoordinaten ist und die Erde selbst ebenso nur ein Augenblick im unendlichen Universum darstellt. Es zeugt von Kleingeistigkeit diese Tatsache auszublenden und seine Gedanken nur nach dem Jetzt und Hier auszurichten. Jeder Mensch, egal welcher Rasse und Klasse, weiss und wusste, dass seine Frist auf diesem Planeten begrenzt ist. Und die Wahrheit ist auch, dass sie letztlich auch nur ein Augenblick ist, was jeder bestätigen wird, der einen Teil bereits zurückgelegt hat, geschweige denn die in den Gräbern, wenn man sie nur fragen könnte.

Der Mensch, der sich geistig stets zwischen den Wänden des Alltags bewegt, vermag auch nicht die Weite jenseits des eigenen Daches zu sehen. Der Körper ist tatsächlich auf die physkalischen Gesetze der Erde begrenzt und nährt sich ausschließlich aus der materiellen Welt, die jedoch zur selben Zeit Gift und die Verkümmerung für die Seele ist. Sie ist nicht an Geld und Wohlstand interessiert, noch an weltlichen Genüssen, ihr höchstes Trachten ist der Seelenfrieden. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen nach Antworten oder einfach nach geistiger Ruhe suchen, indem sie sich mit vershiedenen Glaubensrichtungen und Religionen beschäftigen, weil sie in der rein materiellen Welt wirkliche Zufriedenheit und Erfüllung trotz Sättigung nicht gefunden haben.  Demnach könnte man sagen, die Essenz unserer Existenz liegt im Glauben. Sebst derjenige, der behauptet, keinen Glauben zu haben, ist sein Glaube doch, zu behaupten, dass es keinen tieferen Sinn für sein Leben und keine höhere Macht gibt. Somit ist diese seine Einstellung, der Leitfaden und Sinngäber bzw. Essenz seiner Existenz.

Damit der Mensch den Bezug zu dieser großen Realität nicht verliert, braucht es an Bewußtsein, womit wir wieder zum Anfang des Gedankens zurückkehren. Denn wie schon erwähnt: wenn der Mensch nicht bewußt lebt, wird sein Leben eine Gewohnheit, das so enden wird, wie es gelebt wurde. Einfach wie eine Blume verendet mit dem einzig erfüllten Sinn, nur da gewesen zu sein. Nicht mehr und nicht weniger.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: der Mensch kommt nicht durch Geburt als Säugling auf diese Welt, sondern ist plötzlich als Erwachsener von einem Moment auf den anderen existent mit dem Wissen, dass er auch nur einen Monat auf der Erde verweilen wird. Jedem wird klar, dass Arbeiten und Geld verdienen, nicht das erste ist, was er tun wird. Und er wird Hunger verspüren und nach Essen suchen, doch seine Gedanken werden immer nur um die selben Fragen kreisen: Woher? Warum? Wohin? Und das, weil er das Bewußtsein bzw. die Gewissheit hat, dass er nur nach wenigen Tagen in dieser Form nicht mehr existiert. Der Unterschied zwischen jenem Zustand und unserem läßt sich eventuell nur an der Lebensdauer festmachen, zumal keiner von uns eine Garantie auf siebzig Jahre hat. Es scheint jedoch, dass wir diesbezüglich mehr Gewissheit haben, als das wir jeder Zeit, hinter jeder Ecke sterben können. Und weil aber der Mensch zur Gewohnheit neigt, vergisst er und lebt in Unbekümmertheit, bis ihn der erste Schicksalsschlag trifft und ihn für einen Moment aufweckt und aufrüttelt, um dann doch wieder in die Agonie zurückzuverfallen, aber nur so oft bis es ein Zurück nicht mehr gibt. Die sich immer wiederholende Routine und die alltäglichen Mühen sind es, die ihn vergessen lassen, an welchem unglaublichen Ort er sich eigentlich befindet und welche surreale Reise ihm in Kürze bevorsteht.

Bemerkenswerterweise heisst „Mensch“ in der arabischen Sprache „insan“, was von der Wortwurzel „nasia“ stammt und die Beduetung von Vergessen trägt. Das heisst, eine herausragende Eigenschaft des Menschen ist die Fähigkeit zu vergessen.Der Mensch ist also gefordert gegen das Vergessen anzukämpfen um bewußt zu leben und seine Gedanken zu Ende zu denken. Dieser Artikel hat nicht das Ziel, Gottes Existenz zu beweisen, an den ich fest glaube, sondern den Leser zu bemühen, falls er ist nicht schon getan hat, den Schleier von seinen Gedanken und Sinnen zu entfernen, und die unumstößliche Wahrheit seiner Existenz zu erkennen. Vor allem in diesen Fragen gibt es keine Grauzonen und auch kein Jein, an die wir uns auch schon zu sehr gewöhnt haben. Wir alle werden sterben, und die Erde unter unseren Füßen ist das unabwendare Ziel auf das wir ohne Verzögerung entegegensteuern. Und spätestens dann, wird jede Seele erfahren, ob er sein Leben vergeudet und es für die Dinge investiert hat, die ihm nicht in sein  Grab gefolgt sind, oder ob er das vorgefunden hat, woran er fest geglaubt und danach gelebt hat.

In diesem Sinne sollte sich der Mensch bewußt für eine Seite entscheiden und möglichst für die Richtige, zumal ihm eine bestimmte Frist gegeben wurde, um zu suchen und Antworten zu finden. Derjenige, der mit reinem Herzen und ohne Hochmut nach der Wahrheit strebt, der wird nicht irregehen und vorfinden, wonach er gesucht hat. Und nur wer sich selber erkennt, wird fähig sein, die Welt um sich herum zu verstehen und seinen Taten und Worten das richtige Maß zu verleihen. Derjenige jedoch, der weiterhin aus Gewohnheit behauptet etwas zu sein, was er tatsächlich nicht ist, gleicht dem Ohnmächtigen, der erst in der Stunde des Todes seine Augen öffnet und beginnt zu verstehen.

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