Monatsarchiv: Juli 2013

Der Jihad – mißverstanden und verleumdet

Kein Prophet wurde auf diese Welt gesandt, um Menschen zu töten, Kriege zu entfesseln oder Andersdenkende zu terrorisieren. Sie wurden geschickt, um uns mit der Botschaft von Gottes Barmherzigkeit und Gnade zu erfreuen, aber auch uns an unsere Verpflichtungen und Rechte gegenüber unserem Schöpfer zu erinnern.  Nur beim Gedenken an unseren gemeinsamen Urvater Abraham, Gottes Segen auf ihn, denken wir – und zwar alle, Muslime, Christen, Juden, selbst Atheisten –  an Frieden, Weisheit und Besonnenheit. Die selbe innere Stimmung verspürt jeder Muslim, wenn der letzte Prophet Muhammed, Friede und Segen auf ihm, nur erwähnt wird, selbst dann, wenn er kein großer Kenner seiner Biographie sein mag. Doch das heutige Bild vom Islam und seines Gesandten in der Öffentlichkeit bewegt sich immer weiter in die entgegengesetzte Richtung von dem, was wir als Muslime von unserer Religion wissen und empfinden. Es ist schon sehr eigenartig aber auch zunehmend anstrengend, seinen Glauben immerfort gegen etwas verteidigen zu müssen, was er in keiner Weise beinhaltet. Vielmehr lehrt uns der Islam durch seinen Propheten, dass Mord, Terror und Extremismus vom mittleren Weg abweichen und keinen Platz unter Gottes Himmel haben. Wir würden gerne über viele verschiedene Bereiche unseres Glaubens sprechen, aber es scheint, als sei kaum noch Platz für andere Themen außer Krieg und Terror. Wir werden gefragt, also antworten wir. Nicht mit gesenktem Kopf, sondern mit Erhobenem, denn wir haben weder etwas zu verbergen, noch gibt es etwas in unserer Religion, dessen wir uns schämen müssten.

Der Islam bietet Richtlinien für alle Lebensbereiche und- formen, sowohl auf induvidueller als auch gesellschaftlicher Ebene. So wie sich  westliche Staaten auf christlichen Fundamente und Traditionen auch hinsichtlich ihrer Verfassungen und Grundgesetze beruhen dürfen, sollte man auch den islamischen Ländern dieses Recht zugestehen. Und so wie Deutschland sich nicht seiner Armee schämen muss, genauso wenig muss sich auch ein muslimischer Staat nicht seiner Soldaten schämen. Und jede Armee dieser Welt, wurde im mindesten Fall aufgestellt, um im Falle der Verteidigung eingesetzt zu werden. Ihre Soldaten wurden dazu ausgebildet, zu töten aber ebenso darauf vorbereitet getötet zu werden, und diese Tatsache kann niemand verleugnen. Er kann sie höchstens blumiger darstellen. Und der Vorgang des Kampfes wird aus der Sicht des Islam unter anderem auch als Jihad bezeichnet, was wörtlich übersetzt ungefähr Anstrengung oder Bemühung bedeutet, wobei dieser Ausdruck auch in anderen Bereichen der Religion vorzufinden ist. Wirft man den Muslimen vor, den Kampf und die Armee zu glorifizieren, so finden wir das in jeglicher anderen Kultur nicht anders vor. Wie oft sind Helden in Spielfilmen, oder in Sagen und Märchen, oder gar Kinderbüchern Soldaten oder Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit. Es gibt kaum eine geschichtsträchtige Stadt, die nicht ein Kriegsmonument oder eine Statue eines unbekannten Soldaten oder des Kaisers in seiner Ausrüstung auf ihrem Rücken trägt. Und niemand beschwert sich oder bezeichnet es als martialisch, wenn bei Staatsbesuchen und selbst beim Papstempfang die Leibgarde Spalier steht. Im Gegenteil, es ist mitunter der Stolz einer Nation. An dieser Stelle sei auch erwähnt, was viele unter uns möglicherweise nicht wissen, dass vor dem Königspalast in Brüssel, der vermeintlichen Hauptstadt Europas, die Statue eines Mannes steht, der in einem der dunkelsten Kapitel (wiederum) Europas, den Kreuzzügen, eine tragende Rolle gespielt hat. Er galt als der erste König Jerusalems, nachdem seine Armee Ende des 11. Jahrhunderts die Stadt eroberte und deren Strassen in Flüsse aus Blut umwandelte: Gottfried von Bouillon. Muslimische Nationen hätten jedes Recht, dies als eine Provokation zu emfinden und sich darüber zu empören, wie die Christlichen es mit Sicherheit tun würden, wenn Muslime auf diese Weise einen Mann würdigen und huldigen würden, der verantwortlich für den Tod eines einzigen unschuldigen Menschen wäre, geschweige den von Tausenden, unter ihnen Frauen und Kinder. Aber die Muslime empören sich nicht, sie sind nur jene, über die man sich empört. Aber das nur am Rande.

Wenn also das christliche Abendland stolz auf seine Eroberer und Ritter sein und dies auch öffentlich bekunden und zeigen darf, mit welchem Recht, verweigert man das dem islamischen Morgenland. Vermutlich mit dem selben, das heute darüber entscheidet wer Atombomben bauen darf und wer nicht. Oder wer ein Soldat ist und wer ein Terrorist. Nach einem trifftigen Grund jedoch sucht man hier vergeblich. Es sind bloß die berühmten zweierlei Maßstäbe, die je nach Bedarf zur Anwendung kommen.

Doch der Westen sollte sich keine Sorgen machen, dass sein guter Wille, wenn er mal vorhanden sein sollte, vom Osten ausgenutzt wird und sein martialisches Wesen aus jeder Pore emporsteigt. Denn das Ziel des Islam ist nicht wie bereits erwähnt Krieg und Zerstörung, sondern Frieden, wie Allah es im Qur’an unmissverständlich sagt:

Und wenn sie sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und verlasse dich auf Allah![1]

Der Kampf selbst darf niemals das Ziel, doch kann es abhängig von der Lage durchaus ein Mittel sein, ein Übel abzuwenden. Krieg ist die Waffe in der Hand des Mörders und Tyrannen oder aber in der eines Unterdrückten und Befreiers, was ein gewaltiger Unterschied ist. Aufrüstung und militärische Einsätze werden nicht selten benutzt, um den Frieden eines Landes zu sichern oder wo anders den Frieden zu etablieren, wie es auch uns in unserer Zeit einige Supermächte versuchen zu demonstrieren, zumal hier der Schrei der Entrüstung ausbleibt. Selbst Parteien die gestern noch den Pazifismus in seiner radikalsten Form repräsentierten, sehen heute die Notwendigkeit militärischer Intervention in den Krisengebieten der Neuzeit, obwohl sie oftmals selber unmittelbar gar nicht bedroht sind. Sie führen Krieg mit der Überzeugung, ein Land von seinen Tyrannen befreien zu müssen, also schon lange keinen Verteidigungskrieg mehr. Insbesondere bei diesem Thema entscheidet die Wortwahl über Legitimität oder Illegitimität einer Gruppe oder Handlung. Was für den einen ein Befreier ist, ist für den anderen ein Besatzer. Für die einen sind es Terroristen, für die anderen Widerstandskämpfer. Es kommt immer drauf an, aus welchem Blickwinkel man eine Sache betrachtet oder auf welcher Seite man gerade steht. Das Zerbomben deutscher Städte mit unzähligen zivilen Opfern während des zweiten Weltkriegs durch die Alliierten war aus der Sicht der betroffenen Bevölkerung ein Akt des Terrors, wogegen es damals wie heute als ein legitimes und notwendiges Mittel zur Befriedung Europas galt. In diesem Fall wird ein Luftangriff, bei dem Unschuldige, darunter Frauen und Kinder, zu Tausenden getötet werden, nicht in Frage gestellt.

Die Legitimität der UN-Friedenstruppen wird ebenfalls nicht in Frage gestellt. Allein ihr Name trägt einen Widerspruch in sich, denn diese Truppen sind nicht mit Blumen sondern mit Panzern und Raketen ausgerüstet und sicherlich nicht allein zu dem Zweck, sie von einem Ort der Welt an einen anderen zu verfrachten. Ihr Ziel ist zwar, wie sie behaupten, Frieden, ihr Mittel dennoch der Krieg.

Wenn also die UN die Rolle eines Friedenstifters für sich beanspruchen darf, warum dann nicht der Islam? Etwa weil die Religion Unterwerfung vor dem Unterdrücker fordert, wie es manche Christen fälschlicherweise propagieren? Wenn dir jemand auf die Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Würde man diese Aussage wörtlich und nicht in einem übertragendem Sinne verstehen, könnte es im Äußersten auch bedeuten: wenn jemand dein Kind tötet, dann gib ihm auch das Andere. Nein, in diesem Fall fordert und gewährt der Islam die Verteidigung der eigenen Rechte und die Rechte anderer mit angemessenen und notwendigen Mitteln, solange bis das Übel abgewehrt ist. Dabei darf das Maß der Mittel und der Handlung auf Grund islamischer Prinzipien nicht überschritten werden. Denn Allah sagt im Qur’an:

Und kämpft gegen sie wie sie gegen euch kämpfen. Und übertretet nicht.

Ein Muslim, der Allah fürchtet und weiß, dass er am Tag des Gerichts seine Taten verantworten muss, kämpft aus ideellen Gründen. Sein Glaube hat ihn gelehrt, dass der Mensch nicht erschaffen und auf diese Welt herab gesandt wurde, um anderen Geschöpfen Gottes Leid zuzufügen, sie zu verletzen oder gar zu töten. Sein primäres Ziel ist der Frieden und die Gerechtigkeit. Und warum trägt er das Schwert?, heißt es. Warum haben die Vereinigten Staaten Atomwaffen? Warum haben die UN-Schutztruppen Panzer und Raketen? Die Mächtigen und Verbündeten heute sehen sich als Bewahrer des weltweiten Friedens, obwohl sie im Besitz von Massenvernichtungswaffen sind. Trotzdem unterstellt ihnen niemand böswillige Absichten, noch wird ihnen vorgeworfen, sie zu besitzen. Vielmehr sehen die meisten Menschen in ihnen eine Notwendigkeit, um andere Staaten  allein durch die Existenz dieser Waffen als Abschreckungsmaßnahme vor militärischen Handlungen abzuhalten und um somit ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten. So wie jene Staaten den Anspruch erheben mit den Atomwaffen im Rücken, Boten des Friedens zu sein, so bestehen auch wir mit dem Stein in der Hand auf dieses Recht. Das ist der Jihad. Der Muslim verteidigt sein Recht und sein Leben, und er setzt sich ein gegen jede Form von Ungerechtigkeit, egal wem sie angetan wurde. Denn wir gehören nicht zu jenen, die sich entspannt und zufrieden in ihren Häusern zurücklehnen können, während woanders Menschen in Folge von Unterdrückung keine Ruhe finden und ständigem Leid ausgesetzt sind.

Auch im Islam gilt – was übrigens mit dem oben erwähnten Bibelzitat gemeint ist  –  Verzeihen ist besser als Vergelten. Nichtsdestotrotz hat jede Handlung ihre Bedingungen bzw. ihre Zeit, und dies ist im ursprünglichen Christentum nicht anders. In der gemeinsamen Geschichte der monotheistischen Religionen, gab es auch Propheten die Armeen hinter sich hatten und auch selbst gekämpft haben, wie zum Beispiel der Prophet David, der in einer Schlacht Goliath erschlug, oder Salomon, dem Allah eine Herrschaft und Armee gegeben hat, die Er keinem Menschen zuvor gab. Also können wir nicht die Religion auf diesen einen Satz reduzieren, dafür ist diese Welt zu kompliziert.

Die Kritiker und Gegner des Islam erfreuen sich einer gewaltig vergrößerten Angriffsfläche dank eines vermeintlich neuen Phänomens: dem Terrorismus. Und dieser Begriff ist eine kluge Erfindung, um seinen eigenen Kampf zu rechtfertigen und dem des Gegenübers jedes Recht zu entziehen. Auf diese Weise wurden die Grenzen zwischen Recht und Unrecht für die Zukunft klar gezogen, ohne jemals wieder die Schuldfrage in den Raum stellen zu müssen. In diesem vorgefertigten Bild stehen auf der einen Seite Soldaten, die für Recht und Freiheit kämpfen und auf der anderen inzwischen des Öfteren Muslime, die im Kampf weder Regeln noch Skrupel kennen und allein des Tötens willen handeln, ohne einen Unterschied zwischen einem Kind und einem Soldaten zu machen. Auf diese Anschuldigungen antwortet Allah im Qur’an:

Und kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertrete nicht! Allah liebt nicht die Übertreter.[2]

Allahs Gesandter  hat den Gläubigen in einem allbekannten  authentischen Hadith deutlich gemacht, was die Übertretungen während eines Krieges sind. Er hat verboten, Kinder, Frauen, Alte und Schwache und jeden Mann, der auf dem Feld arbeitet, zu töten. Also all jene, die nicht unmittelbar am Kriegsgeschehen beteiligt sind. Sogar Felder zu verbrennen und Bäume willkürlich zu fällen, ist nicht erlaubt, geschweige denn das Blut eines Unschuldigen zu vergießen. An welche Regeln hält sich dagegen die so genannte smarte tonnenschwere Bombe, die über muslimischen Boden abgeworfen wird? Ist sie schon so intelligent, dass sie erkennen kann, wer unschuldig ist?

Die Ereignisse des 11.September sollten und dürfen nicht dazu führen, Dinge nicht mehr differenzieren zu können und jedes Geschehen auf der Weltbühne durch die Brille 9/11 zu betrachten. Dafür war die Zeit vor diesem Datum zu ereignisreich, um diesen speziellen Tag über alles andere zu erheben, als wäre zum ersten Mal ein Unrecht geschehen. Übrigens wäre es nicht das erste Mal, dass ein Staat einen Anschlag verübt, es dann anderen in die Schuhe schiebt, um den Weg für die eigenen Interessen und Ziele zu ebnen. Jeder, der die Bereitschaft zeigt, generell mainstream Nachrichten zu hinterfragen, wird sehr schnell feststellen, dass die Anschläge vom 11. September viele Unstimmigkeiten aufweisen und eine Menge Fragen bis heute offen gelassen haben. Aber letztlich ist es doch irrelevant, weil keiner vermag, die Uhr zurückzudrehen und die Massen die Qualität zum Aufstand gegen Ungerechtigkeit offensichtlich schon lange verloren haben. Der einzige Widerstand in westlichen Sphären scheint der sogenannte zivile Ungehorsam auf individueller Ebene zu sein, was jedoch dem Täter am meisten schadet und dem Mächtigen am wenigsten.

Im Interesse führender Weltmächte haben es bestimmte Medien geschafft, diese Ereignisse von allen anderen dermaßen zu isolieren, so dass dieses Datum als eine neue Zeitrechnung der Weltpolitik definiert wird und immer wieder von der Zeit vor und nach dem 11. September die Rede ist. Dank dieses Datums sind die Hürden außenpolitischen und militärischen Handelns seitens der USA und seiner Verbündeten derart geschrumpft, dass selbst die Völkergemeinschaft nicht in der Lage ist, dem Tatendrang der Amerikaner entgegenzuwirken. Dinge, die vor diesem Tag noch unmöglich erschienen, werden mit dem Vorzeigen dieses Jokers im mindesten Fall geduldet. Wie etwa die Hundehaltung von Guantanamo Bay, bei der Menschen ohne Beweise und eine Chance auf Verteidigung, Tieren gleich, vor den Augen der Weltöffentlichkeit in Käfigen gehalten werden, um später manche von ihnen auf Grund fehlender Beweise nach etlichen Jahren Haft einfach frei zu lassen, ohne sich als Staat Vorwürfe bezüglich dieser Ungerechtigkeit zu machen, zumal Menschenleben teilweise zerstört wurden. Muslime werden unter Befehl der USA und den Augen der Weltöffentlichkeit in arabische Länder, die auf Grund diverser Menschenrechtsverstöße zuvor noch seitens der Amerikaner als Schurkenstaaten bezeichnet wurden, ausgeflogen, um dort ohne strafrechtliche Konsequenzen gefoltert werden zu können. Ganz zu schweigen von den dreisten und gezielten Lügen mächtigster Männer so genannter zivilisierter Staaten, die letzten Endes die Entscheidung über Krieg oder Frieden gebracht haben. Und trotz der Enttarnung dieser fabrizierten Anschuldigungen gegen ein anderes Land, sterben noch heute täglich unschuldige Menschen und werden in den Gefängnissen ihrer Besatzer erbarmungslos gefoltert.[3]

Die Muslime selbst sollten nicht den Fehler machen, sich ständig an den Ereignissen des 11. Septembers messen und bei jeder ihrer Handlung sich dieses Datum vorhalten zu lassen. Dafür hat die islamische Gemeinschaft weltweit in ihrer jüngsten Geschichte zu viele 9/11’s erlebt, um jetzt, um Verzeihung bittend, vor dem vermeintlich Gerechtem Herrscher auf die Knie zu fallen. Es ist zweifelsohne tragisch, wenn unschuldige Menschen ums Leben kommen, doch es scheint, als wäre das Blut der Muslime reines Wasser. Auf der ganzen Welt wurden für dreitausend Getötete Kerzen angezündet, wogegen man grundsätzlich nichts einwenden kann. Aber ich frage mich, wo brannte nur eine einzige Kerze für fünfhunderttausend tote Kinder, die aufgrund des Wirtschaftsembargos der UNO unter der Anweisung der Amerikaner im Irak zuvor gestorben sind. Und als die frühere amerikanische Außenministerin Madeleine Albright mit diesen Zahlen konfrontiert wurde, beschrieb sie dieses Opfer als ein „hoher Preis, der es wert (sei), bezahlt zu werden“ würde doch Saddam Hussein auf diese Weise vielleicht abtreten. Welche Schuld trägt ein Volk, das selber unter einer Diktatur zu leiden hat? Selbst wenn es schuld wäre, darf man dann plötzlich Unschuldige töten, um seine Ziele zu erreichen? Trotz einer so niederträchtigen und menschenunwürdigen Aussage, war das Amt der Außenministerin zu keiner Zeit gefährdet, noch nahm man in der Welt laute Stimmen der Entrüstung und Entsetzens wahr, außer einigen wenigen wie die, von dem bekannten Journalisten Peter Scholl-Latour:

„ Wenn das Land sich so mühselig und langsam vom Krieg erholt, dann liegt das vor allem am Embargo der Vereinten Nationen, das nunmehr sieben Jahre andauert. Das Sanktionskomitee der UNO hat unter amerikanischem Druck eine schikanöse ,Rote Liste‘ von verbotenen Gebrauchsartikeln aufgestellt, der man beim besten Willen keine strategische Bedeutung beimessen kann. Darunter befinden sich- wie eine Studie von ,Foreign Affairs‘ feststellt- Glühbirnen, Socken, Armbanduhren, Öfen, Autobatterien und Autoreifen, Nähmaschinen, Nadeln, Spiegel, Nägel Textilien, Eisschränke und vieles andere. Die Hauptleidtragenden dieser Willkür sind die Schulen und die Hospitäler. Papier und Kugelschreiber stehen nämlich ebenfalls auf der , Red List‘, und- um nur ein Beispiel des sanitären Boykotts zu erwähnen- es fehlt den Krankenhäusern an Betäubungsmitteln für Operationen, weil sämtliche Nitrate militärisch genutzt werden könnten. Laut Aussage der , Washington Post‘, die übertrieben sein mag, fordern die UN-Maßnahmen jährlich eine Million Todesopfer, darunter siebzig Prozent Kinder. Ich will hier nicht alle Absurditäten dieses Rachefeldzuges aufzählen, der natürlich die armen Schichten der Bevölkerung am härtesten trifft… ”[4]

Ein paar Jahre später, im so genannten War an Terror, starten die Amerikaner einen Befreiungskrieg, um das Volk, das sie zuvor selbst unterdrückten und massenhaft töteten, von dem Joch des Unterdrückers und seiner Diktatur zu erlösen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Amerikaner ihren Weg zum selbst definierten Frieden mit Leichen Unschuldiger pflastern. Waren es nicht die Amerikaner, die mit dem Vorwand Japans Vormachtstellung zu stoppen, über hunderttausend nichts ahnende Bewohner einer Stadt mit Hilfe ihres wissenschaftlichen Fortschritts, in Form der Atombombe, auf einen Streich den Garaus machten, wobei die gravierenden Folgeschäden heute noch nahezu in jeder Familie allgegenwärtig sind. Und bis heute sind sich vermeintliche Experten nicht darüber einig, ob der Abwurf gerechtfertigt war oder nicht! Die Supermächte gelten mit all ihren Raketen, Panzern, Flugzeugen als Bewahrer und Förderer des Friedens, aber ein Muslim mit einem Gewehr oder manchenorts einem bloßen Stein in der Hand, ist nichts anderes als ein Terrorist, eine Gefahr für die zivilisierte Welt. Und wie sehr erinnert mich ein gewisser Spruch an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte: Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber fast jeder Terrorist ist ein Muslim. Nicht jeder Jude ist schlecht, aber alles Schlechte kommt von den Juden, und der Rest der Geschichte ist nur all zu gut bekannt.

Damit die Geschichte sich nicht wiederholt, sollten sich die Menschen von Pauschalurteilen fernhalten und nicht hinter jedem, vor allen Dingen praktizierendem Muslim, einen potentiellen Terroristen sehen. Die Menschen haben sich ein halbes Jahrhundert mit der Frage beschäftigt, wie es zu Anschlägen auf Synagogen kommen und es möglich sein konnte, dass gewisse Beamte in aller Ruhe vereinzelt Angehörige einer religiösen Minderheit aus ihren Häusern holten, ohne dass die umliegenden Anwohner protestierten oder versucht hätten, das zu verhindern. Die Bevölkerung damals hat zu einem großen Teil, unter dem Eindruck jener neuen Kraft und auf Grund falscher Versprechungen, aufgehört, Behauptungen und Informationen zu hinterfragen, so dass sie nicht mehr Herr ihrer Gedanken und Überzeugungen waren, sondern von außen gesteuert wurden. Ein weiterer Grund war die Tatsache, dass die ethnischen Minderheiten durch ihre Verurteilung im Vorfeld ihre Gesellschaftsfähigkeit verloren haben und ihnen auch das Recht entzogen wurde, auf gemachte Anschuldigungen und Behauptungen öffentlich zu reagieren. Ich möchte nicht damit sagen, dass unsere Situation im Allgemeinen die der damaligen ähnelt, vereinzelt jedoch finden wir durchaus Parallelen. Ein Beispiel dafür ist der bekannte Fall von Khaled al-Masri, der als deutscher Staatsbürger auf Grund eines falschen Verdachts vom amerikanischen Geheimdienst entführt, fünf Monate in afghanischen Gefängnissen misshandelt und daraufhin in der Wildnis des Balkan als freier Mann ausgesetzt wird. Keine Entschädigung, keine Entschuldigung, dafür ein abgelehntes Berufungsverfahren seitens der Amerikaner und eine zerstörte Seele, die seit drei Jahren in psychologischer Behandlung ist. In vielen , Ländern Europas finden Entführungen durch den CIA unter Wissen ihrer Regierungen statt und dabei haben sie sich mitschuldig an der Folter der Gefangenen gemacht, indem sie zugelassen haben, dass unschuldige Muslime heimlich in Drittstaaten ausgeflogen und dort misshandelt wurden. Und wie viele wurden auf Grund mangelnder Beweise wieder freigelassen, nachdem sie aber über Jahre hinweg für ihre Frauen und Kinder als vermisst galten und unmenschlichen Torturen ausgesetzt waren. Dies alles können sie unter anderen in dem bereits erwähnten und gut recherchierten Buch Das Schattenreich der CIA von Stephen Grey nachlesen. Doch das schockierende und unerträgliche an diesem und anderen Büchern dieser Art ist, dass sie nichts weiter als Leselektüren in den Regalen neben anderen stehen und die Lügen und Ungerechtigkeiten jener Mächte unbehelligt bleiben und keine Konsequenzen für die eindeutig Schuldigen nach sich ziehen. Erst wenn der Drang nach Gerechtigkeit in den Opfern langsam erlischt und keiner mehr da ist, den man zur Rechenschaft zeihen kann, wird man einen Dokumentarfilm herausbringen, der eine allgemeine Empörung und Wut der Öffentlichkeit hervorrufen wird und nach dem die Menschen sagen werden: Endlich ist die Wahrheit ans Licht gekommen. Doch wem nützt sie jetzt und wer muss dafür gerade stehen? Die Opfer tragen den Schaden womöglich bis an ihr Ende, wogegen die Verantwortlichen einfach das Spielfeld rechtzeitig verlassen haben und die rote Karte für sie keine Folgen mehr hat. Es ist ein Spiel der Politik und Interessen. Genauso ist es mit dem ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten George W. Bush. Zu seiner Zeit hat er einen Krieg angezettelt, der nur durch Lügen und Manipulationen begonnen werden konnte. Er hat unzähligen Menschen Leid und Tod gebracht und die Welt in ein Chaos gestürzt. Jetzt nachdem ein anderer sein Amt übernommen hat, nimmt man Stimmen der Entrüstung und Anschuldigungen war, und spricht weltweit von dem schlimmsten Präsidenten, den die USA jemals in ihrer Geschichte hervorgebarcht hat. Und das, nachdem man ihn in jedem Land dieser Welt mit Ehren empfangen und seinen Worten stets Beifall geklatscht hat.

Ferner kritisiere ich einen Teil der Medien, die für viele auch heute meinungsbildend sind, dafür dass das Bild des Islam eher mit negativen Assoziationen behaftet ist, statt die Befremdlichkeit gegenüber den Angehörigen dieser Religion und die Ängste der Menschen zu nehmen. Versuchen sie dennoch die Bevölkerung aufzuklären, tun sie das, indem sie die islamische Gemeinschaft in zwei Gruppen aufteilen: in die guten, moderaten und die schlechten, radikalen Muslime. Mit radikal meint man im eigentliche Sinne die Orthodoxie oder die religiöse Praxis, die sich stark an den Quelltexten des Islam anlehnt und nicht Muslime, die immer und überall bereit sind, sich in die Luft zu sprengen und zu morden. Die Menschen sollten sich über eine derartige diskriminierende Ansicht Gedanken machen, andernfalls könnte man auch die jüdische Gemeinschaft hierzulande in eine Moderate und eine Radikale unterteilen, zumal die Praktiken der orthodoxen Juden nach ihrem heiligem Buch ausgerichtet ist, indem die Männer Bärte und ihre Frauen das Kopftuch tragen, sie nur geschächtetes  Fleisch essen und ihre Kinder nach traditionellen Werten erziehen. Das würde schon reichen, um einem Muslim Radikalität vorzuwerfen. Ein Jude würde es akzeptieren als orthodox, konservativ oder streng in der Auslegung und Ausübung seiner Religion bezeichnet zu werden, niemals aber als radikal, was von vorneherein eine Gesellschaftsfeindlichkeit ausdrückt. Auch wir als muslimische Gemeinschaft wehren uns gegen eine derartig wertende Klassifizierung und Aufteilung innerhalb der Gemeinde und bleiben bei dem Standpunkt, dass Verfehlungen nicht das Problem des Islam und seiner Auslegung sind, sondern vielmehr das Resultat falschen Verständnisses Einzelner, die es nun mal in jeder Religion und Ideologie in welcher Form auch immer gibt. Ein Muslim trägt nicht die Sünden eines anderen Muslims, genauso wenig ist eine Gruppe für die Tat eines Einzelnen verantwortlich.

Auf Grund dieser – ich möchte sagen weltweiten – Pauschalisierung und der Suche nach einfachen Erklärungen, werden vermeintliche Täter zu Opfern. Wie viele Muslime auf der ganzen Welt sitzen unschuldig, ohne jegliche Anklage und nur auf Grund eines Verdachts oder des Wortes gegen die Ungerechtigkeit in Gefängnissen, wenn sie Glück haben und nicht gefoltert werden oder wie ein Hund in einem Erdloch leben, denen nicht einmal das Recht gewährt wird, sich zu verteidigen? Das ist unter anderem das Resultat des Krieges gegen den Terror. Welche Konsequenzen dagegen zieht eine Politik nach sich, die auf bloßen Lügen basiert? Offensichtlich keine, denn diejenigen, die vorsätzlich Unwahrheiten verbreitet haben, um ihre versteckten politischen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, mit dem Vorwand sich für die Menschenrechte einsetzen zu wollen, sitzen noch heute fest auf ihrem Thron oder bereits unbekümmert und sorglos auf ihrem Geld, das  sie sich durch das Blut ganzer Völker erwirtschaftet haben. Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass der Grund in den Irak einzumarschieren, berechnend ausgedacht wurde und dass ihre Anführer die Welt vorsätzlich angelogen haben, um sich für den Krieg eine Legitimation der Völkergemeinschaft einzuholen. So lautete der Kriegsspruch: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und wie viele waren ab dem ersten Moment auf der Seite des Lügners, was unter Umständen aus Mangel an Informationen oder eher auf Grund ihrer Naivität noch verzeihbar war, doch jetzt, wo die ganze Welt die Lüge bezeugt hat, ist es erschreckend, dass dieser Betrug keine Konsequenzen nach sich zieht, sondern weiterhin materiell und moralisch unterstützt wird. Zu Lügen und gleichzeitig ein Führer eines Staates zu sein, scheint kein Widerspruch und auch keine Gefahr zu sein. Ein Mensch jedoch mit etwas längerem Bart oder verdecktem Haar mag eine potentielle Bedrohung für die Welt und ihre Sicherheit und keine ungewöhnliche Erscheinung im Gefängnis zu sein. Hätte ich hingegen die Welt angelogen, ein fremdes Land besetzt und 150000 Menschen[5], die seit Begin des Krieges bis zu diesem Zeitpunkt offiziell im Irak umgekommen sind, auf dem Gewissen, würde ich aus goldenen Tellern essen und die Welt läge mir zu Füßen. Ist es nicht Zeit für jeden einzelnen, sich zu besinnen und aus der Lethargie aufzuwachen, bevor wir auf ähnliche Weise, wie es manche nach dem Dritten Reich taten, bereuen und uns fragen: Wie konnte das passieren?

Wenn also über einen vermeintlichen Terroristen Recht gesprochen werden soll, dann nur unter der Vorraussetzung, dass auch der Kläger vor den Richter tritt, andernfalls kann es keine Rechtsprechung und Gerechtigkeit geben. Ein Gericht, in dem der Angeklagte bereits vor dem Urteilsspruch schuldig ist und der Kläger Narrenfreiheit genießt bzw. gar nicht verurteilt werden darf, entzieht sich jeder Legitimität und ist in einem Rechtstaat undenkbar. Diese Art von Rechtsprechung wird eigentlich den Ländern vorgeworfen, gegen die der demokratische Feldzug geführt wird und im Allgemeinen als Schurkenstaaten und Diktaturen bekannt sind.

Der Bürger des Westens, im Land des Friedens, der sich durch Anschläge bedroht fühlt und sich vielleicht zu den Betroffenen zählt, sollte es nicht versäumen, sich zu fragen, warum diese Angriffe stattfinden. Jeder sollte sich fragen, ob und wenn ja, welche Verantwortung er persönlich für die Leiden der anderen in der Welt trägt, wenn man schon heute gerne von einer globalen Welt oder der Weltgemeinschaft redet. Wenn man bereit ist, sich für einen Wal am anderen Ende der Welt, der vom Aussterben bedroht ist, einzusetzen, was sollte man dann erst alles versuchen, um das Leben eines Menschen zu retten? Die Rede ist aber leider nicht von einem Menschen, sondern von Völkern. Von dem Volk der Tschetschenen, die seit einem Jahrzehnt systematisch unter den Augen der Weltöffentlichkeit täglich dezimiert wird, deren Frauen von den Augen ihrer Männer geschändet werden und Kinder in den Händen ihrer Mütter sterben. Und jeden Zweifler verweise ich auf Berichte von Amnesty International oder ähnlichen Organisationen, um sich von diesen Tatsachen zu überzeugen. Sie beschreiben den Krieg in Tschetschenien als eine reine ethnische Säuberung und als ein Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Der Schuldige hingegen sitzt weiterhin sicher auf seinem Thron und genießt vollste Anerkennung westlicher Diplomatie, obwohl er sogar deren heilige Kuh geschlachtet hat; die Pressefreiheit, indem er jeden kritischen Journalisten seines Landes mundtot gemacht hat und Redaktionen hat schließen lassen. Diese Tatsache erlaubt ihm Dinge zu sagen, die jeden Politiker anderer liberaler Staaten, die Macht oder im mindesten Fall seine Glaubwürdigkeit kosten würde:

„ Man muss die Höhlen finden und sie (die Terroristen) wie Ratten vernichten ‚, sagte Putin. Es sei nötig, gezielt am richtigen Ort zuzuschlagen’… Putin hatte bereits mehrfach mit drastischen Ausdrücken zur Bekämpfung der tschetschenischen Rebellen aufgerufen, die die russische Regierung meist als , Terroristen‘ oder , Banditen‘ bezeichnet. Nach einer Reihe von Anschlägen in Moskau im September 1999 hatte Putin angekündigt, Terroristen sogar auf dem ,Klo kaltzumachen‘. Diese und ähnlich vulgäre Äußerungen ließen Putins Beliebtheit in der Bevölkerung Umfragen von Soziologen zufolge ansteigen. „[6](statt zu sinken)[7]

Und das tragische und unausstehliche an diesem Krieg ist die Tatsache, dass der Einmarsch der Russen in Tschetschenien offiziell mit einem Terroranschlag muslimischer Extremisten auf einen Wohnblock begründet war, was weltweit in allen Zeitungen und Nachrichtensendern zu sehen war. Einige Monate später, als die russischen Streitkräfte schon längst in fremdes Territorium eingefallen sind, tauchten aus der Richtung des russischen Geheimdienstes plötzlich Gerüchte auf, die jene Behauptung zu Lasten der Muslime widerlegten. Es wurde gesagt, dass der Geheimdienst selbst den Anschlag verübt hat, um einen Einmarsch in Tschetschenien zu rechtfertigen, was später offiziell durch den englischen Geheimdienst bestätigt wurde. Aber diese Nachricht war kaum zu sehen noch zu lesen, außer als beiläufige Bemerkung in einem Artikel auf den letzteren Seiten einer Tageszeitung. Und zwei Menschen, die damals mehr oder minder erfolgreich versucht haben diese Wahrheit ans Licht zu bringen, sind heute tot. Die eine, eine russische Journalistin namens Anna Politkowskaja, die sich bis zu ihrem letzten Atemzug für die sofortige Beendigung des Krieges in Tschetschenien einsetzte und eine entschiedene Gegnerin des Kremls war, wurde vor ihrer Wohnung erschossen aufgefunden. Der andere, Alexander Litwinenko, ein ehemaliger Top-Agent des russischen Geheimdienstes, der als erster das Komplott des FSB an die Öffentlichkeit brachte und daraufhin schutzsuchend ins englische Asyl ging, wurde auf mysteriöse Weise vergiftet und starb nur einige Tage später an den Folgen der Intoxikation. Viele Indizien weisen auf eine Tat des russischen Geheimdienstes hin.

Zusammen mit Juri Felschtinski, einem US-amerikanischen Historiker russischer Herkunft, verfasste er 2002 das Buch Blowing up Russia: Terror from Within; russisch ФСБ взрывает Россию (deutsch: „Der FSB sprengt Russland in die Luft“). Die auf Menschenrechtsfragen spezialisierte russische Nachrichtenagentur Prima, welche vom ehemaligen Sowjetdissidenten Alexander Podrabinek geleitet wird, ließ das Buch in Lettland drucken und wollte es in Moskau mit einer Auflage von 4400 Exemplaren verkaufen. Der Lastwagen mit der Auflage wurde indes im Rahmen einer Antiterror-Aktion beschlagnahmt. Die zentrale These des Buches ist, dass die Sprengstoffanschläge von 1999 auf Wohnhäuser in Moskau und anderen russischen Städten, bei denen rund 300 Menschen den Tod fanden, entgegen den Behauptungen von offiziellen russischen Stellen nicht von tschetschenischen Terroristen verübt wurden. Vielmehr gingen die Anschläge – so die Autoren – auf das Konto des russischen Geheimdienstes FSB und dienten im Rahmen einer Strategie der Spannung als Vorwand für die Entfesselung des Zweiten Tschetschenienkriegs. Dieselbe Theorie vertraten auch Mitglieder einer öffentlichen Kommission um Sergei Kowaljow. Ihre Mitglieder wurden von einer Reihe von Zwischenfällen heimgesucht: Der Kommissionsvorsitzende Sergej Juschenkow wurde am 17. April 2003 erschossen.[5] [6] Dem Ermittler der Kommission, dem Anwalt Michail Trepaschkin – wie Litwinenko ein ehemaliger FSB-Offizier – wurde eine Pistole untergeschoben, er wurde im Mai 2004 wegen Verrats von Staatsgeheimnissen und illegalem Besitz von Munition zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt. Nach Angaben von Amnesty International war das Verfahren „offenbar politisch motiviert“ und entsprach „nicht den internationalen Standards für faire Verfahren“. Russische Menschenrechtsgruppen gingen davon aus, dass „die Anklagen gegen ihn konstruiert wurden, um zu verhindern, dass er seine Ermittlungen zu den 1999 verübten Bombenanschlägen auf Wohnhäuser fortsetzen konnte“, so Amnesty International. Das Kommissionsmitglied Juri Schtschekotschichin, Vize-Chefredakteur der Wochenzeitung „Nowaja Gaseta“, starb am 3. Juli 2003. Offizielle Todesursache war eine schnell verlaufende allergische Reaktion, das sogenannte Lyell-Syndrom. Die politischen Freunde des Verstorbenen zweifelten diese Darstellung an. Sie wiesen darauf hin, dass der Verstorbene nicht an Allergien gelitten habe und dass nie geklärt wurde, was den angeblichen allergischen Schock auslöste. Ihre Versuche, die Umstände des Todes näher zu untersuchen, wurden jedoch von offizieller Seite behindert; zahlreiche Fragen konnten nicht beantwortet werden. Einige westliche Medien sprechen von Vergiftung. Die russische oppositionelle Internetzeitung grani.ru reiht den Fall unter die großen politischen Morde in Russland ein.

Eigenen Aussagen zufolge hat Litwinenko sich zuletzt auch mit dem Mord an der Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja beschäftigt. Er soll sich am Tag seiner Verstrahlung mit Polonium-210 mit dem italienischen Geheimdienstexperten Mario Scaramella getroffen haben, der ihm angeblich wichtige Unterlagen zu diesem Fall überreichte. Darin sollen Mitglieder einer Spezialeinheit des FSB als Urheber des Mordes an Politkowskaja angeführt werden. Litwinenko sei in diesen Unterlagen ebenso wie der in London lebende russische Oligarch Beresowski als nächstes Ziel von Anschlägen genannt worden.

Am 1. November 2006 ließ sich Litwinenko mit Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus einweisen. In den folgenden Tagen verschlechterte sich sein Zustand rasant. Die Mediziner gingen zuerst davon aus, dass Thallium für den körperlichen Verfall Litwinenkos gesorgt hatte. Erst wenige Stunden vor dem Ableben fand man große Mengen der radioaktiven Substanz Polonium-210 im Urin. Litwinenko starb am 23. November 2006 um 21.21 Uhr Ortszeit an den Folgen der Polonium-Vergiftung. Nur wenige Stunden bevor er das Bewusstsein verlor, erklärte Litwinenko in einem Interview mit der Times, dass er vom Kreml zum Schweigen gebracht worden sei.

Die Beerdigung auf dem Londoner Highgate-Friedhof wurde nach islamischem Ritus abgehalten (Litwinenko war kurz vor seinem Tod zum Islam übergetreten). Litwinenko hinterließ seine Frau Marina und einen zehnjährigen Sohn. [8]

Ich bitte Allah t’ala diesen mutigen Mann für seinen Einsatz und seine Aufrichtigkeit mit dem schönsten Lohn zu belohnen. Amen.

Dann möchte ich noch die täglichen 9/11’s der Palästinenser erwähnen, die man aus der Weigerung heraus ihr eigenes Haus zu verlassen, um einem anderen Volk Platz zu machen, und dabei Zigtausende getötet, vertrieben oder unter übelsten Bedingungen in die Besenkammer eingeschlossen hat und es dann sogar beschuldigt, den Staat Israel zu terrorisieren und jedem Friedensversuch entgegenzuwirken. Obwohl die Anfänge des Nahost-Konflikts nun einige Jahre zurückliegen, ist das Verbrechen ein Verbrechen geblieben, entgegen der Annahme, dass die Zeit jede Sünde rein wäscht. Mit welchem Recht erhebt ein Dieb ein Besitzanspruch auf seine Beute und beschuldigt noch dazu denjenigen, der sich sein Gut zurückholen möchte, ein Terrorist zu sein? Der Mann, der seine Frau und Kinder zurücklässt, um sie von dem Joch der Unterdrückung zu befreien, ist der Verbrecher und Terrorist, der Pilot des israelischen Kampfjets hingegen ist der Friedenstifter und Kämpfer für Gerechtigkeit, dessen Bombe den Bösen vom Guten unterscheiden kann. Selbst das hat den Israelis nicht gereicht, um sie ruhig in fremden Häusern schlafen zu lassen. Dort (in Deutschland) wurde einst als Symbol der Unterdrückung im Taumel des Jubels und der grenzenlose Freude eine Mauer zerstört, während hier (in Palästina) nun buchstäblich in aller Ruhe eine neue noch sicherere und größere aufgebaut wird. Dank des technischen Fortschritts – der scheinbar immer mehr auf Grund unserer Tatenlosigkeit ein Beweis gegen uns wird –  ist die ganze Welt Zeuge dieser offenkundigen Freiheitsberaubung. Am Ende wird die Mauer stehen und wird möglicherweise wieder einige Jahrzehnte warten, bis man sie bei ihrer Zerstörung zum einem Symbol für Freiheit und Gerechtigkeit erklärt und die jahrzehntelange Apathie der Verantwortlichen und Mächtigen offen legt. Täglich wird das Volk Palästinas dezimiert, das Auge des jüdischen Scharfschützen kennt weder den Unterschied zwischen einem Kind und einem Mann noch den einer Frau und eines bewaffneten Kämpfers. Ende 2008 marschiert die israelische Armee in Gaza ein und innerhalb wenigen Wochen sind nach offiziellen Angaben auf palästinensischer Seite mehr als 1500 Zivilsten ums Leben gekommen. Die Wahrheit darf erst nach der Show auf die Bühne, was dann kaum noch jemanden interessiert:

Für die meisten Israelis sei der Gaza-Krieg “ein schwarzes Loch“, meint Yehuda Shaul, einer der Gründer von “Breaking the Silence“. Die israelische Öffentlichkeit weiß bis heute nicht, was ihre Truppen während der so genannten “Operation Gegossenes Blei“ in Gaza getan haben. Die meisten verließen sich auf die Informationen in den israelischen Medien, die der Militärzensur unterliegen. Kein Israeli konnte sich nach dem Ende des Krieges Mitte Januar selbst ein Bild von der Zerstörung im Gaza-Streifen machen. “Breaking the Silence“ hat 26 Soldaten gefunden, die bereit waren, über den Krieg zu berichten, natürlich unter der Bedingung der Anonymität. Ihre Zeugnisse sollen das “schwarze Loch“ des Unwissens in Israel jetzt auffüllen. Ein Infanterist erinnert sich: “Während unseres Aufenthalts dort, von dem wir nicht wussten, wie lange er dauern wird, mussten wir die Umgebung so gut wie möglich inspizieren. ‚Inspektion‘ ist ein schönes Wort für systematische, zielgerichtete Zerstörung der Umgebung.“ Für Yehuda Shaul von “Breaking the Silence“, selbst Reservist, belegen die Berichte, dass die israelische Armee im Gazakrieg eine völlig neue Strategie anwandte: “Das Besondere an der ‚Operation Gegossenes Blei‘ ist, dass die israelische Armee zum ersten Mal die Taktik und Methodik des Krieges auf einen palästinensischen Ort anwendet. Die Armee hat damit im Grunde genommen einen Strategiewechsel vorgenommen, es fand ein Umdenken statt, ohne die Bürger davon zu benachrichtigen.“ Zum ersten Mal, so Shaul, sei die Armee mit der Maßgabe in eine Operation gegangen, auf der eigenen Seite so wenig Verluste wie möglich zu machen und dafür alles zu tun. “Wir sind nicht bereit, unsere Soldaten zu gefährden – und es ist uns egal, ob Zivilisten gefährdet oder getötet werden. Die Armee hat ihre ethischen Richtlinien verworfen.“ Die Armee kämpfte gegen die Hamas, eine Guerilla-Truppe – aber mit Mitteln, die im Krieg zwischen Armeen üblich sind – als stünden ihr die Panzerdivisionen Syriens oder Ägyptens gegenüber. Nach den Berichten der Soldaten zerstörten die israelischen Truppen den Gazastreifen wahllos, ohne Rücksicht auf Schuld oder Unschuld oder Zugehörigkeit zur Hamas. Die Soldaten wurden auf die Kriegsstrategie während der “Operation Gegossenes Blei“ in Manövern vorbereitet. Die Genauigkeit der Treffer war ihren Berichten zufolge weniger wichtig als die größtmögliche Zerstörung. Ein Feldwebel der Panzertruppen über die Gespräche mit seinem Vorgesetzten vor dem Krieg: “Den Leuten, die Fragen zur Ethik hatten und ihn auf Unschuldige ansprachen, antwortete er, dass wir uns im Krieg befinden würden und wir nicht zögern sollten, alles zu zerstören, Moscheen und alles, was wir als Bedrohung definieren. Die Grundeinstellung ist, das Feuer zu eröffnen und nicht über die Folgen nachzudenken. Jedes Hindernis und jedes Problem wird durch das Eröffnen des Feuers gelöst, ohne dass Fragen zurückbleiben dürfen, selbst wenn es sich um einen Beschuss von etwas handelt, was wir nicht kennen oder sehen.“ “Das ist nicht die Armee, die ich kenne“, so resümiert der Reservist Yehuda Shaul, der viele von den Interviews mit den Soldaten des Gazakrieges selbst geführt hat. Für ihn ist die “Operation Gegossenes Blei“ ein Sündenfall. Eine Armee, die sich bisher ihrer ethischen Verantwortung bewusst war, habe diese im Gazakrieg gänzlich aufgegeben.[9]

Der Fehler der alten Frau war, dass sie ihr Haus verließ. Als die Palästinenserin eine Straße überquerte, zog ein israelischer Soldat seinen Abzug durch. Er traf die Frau tödlich. Der Schütze war 100 Meter von seinem Opfer entfernt, in einer sicheren Stellung. Ein Offizier hatte den Todesschuss befohlen. Jeder Palästinenser, der sich noch in der Innenstadt von Gaza aufhalte, sei ein Terrorist. „Kaltblütiger Mord“, nennt ein Kommandant der israelischen Armee das heute. Ein anderer hoher Offizier berichtet von einem Scharfschützen, der eine Mutter und ihre beiden Kinder erschoss – der Reihe nach. Sie hatten eine Linie überquert, die der Soldat sichern sollte. „Ich glaube nicht, dass er sich besonders schlecht fühlte, weil er aus seiner Sicht nur nach seinen Vorschriften handelte“, sagte der Offizier.[10]

Vergeblich warten wir auf die Minute des Schweigens im Weißen Haus oder im britischen Parlament, die doch sonst so eilends angekündigt wird, wenn auf der Welt etwas Schreckliches passiert. Aber scheinbar sind Tod und Vertreibung tausender Muslime nicht schrecklich genug, um für sie zu schweigen, wenn schon nicht geholfen wird. Statt des Rettungsrings wirft man uns das Senkblei mit der Aufschrift Terrorist oder Undemokratisch zu oder im besten Fall, hört man, nach einem tödlichen Luftangriff auf palästinensische Zivilisten, den Satz eines UNO-Beamten:,,…man sei äußerst besorgt über die jüngsten Auseinadersetzungen im Nahe Osten.“ Und wenn es mal dazu kommt, dass sich die Vereinenten Nationen entscheiden, Israels Angriffe zu verurteilen – was sie bei dem besagten Einmarsch 2008 mit 1500 Toten nicht einmal geschafft hat – reicht stets eine Stimme bzw. das beständige Veto der USA aus, um dieses Thema dem Tagesprotokoll zu überlassen. Und die zynische und unerträgliche Begründung der Amerikaner: „Der Staat Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung.“ Hier also werden zivile Opfer bewusst in Kauf genommen und gelten dazu offensichtlich als ein legitimes Mittel, gewisse Ziele zu erreichen.

Dies sind nur zwei Beispiele von vielen. Und ein denkender Mensch hat während des letzten Krieges im Balkan und hinsichtlich der Tatenlosigkeit der Völkergemeinschaft gesagt: „Schade, dass Bosnien kein Delfin ist, denn dann wäre es schon längst gerettet.“ Wie also sollte sich der mindeste Einsatz der Weltbürger, die Zeuge des täglichen Leids sind, äußern, und was erwarten die Unterdrückten von ihnen? Trotz der Behauptung einiger, vor diesen Problemen machtlos gegenüber zu stehen, ist das mindeste, was von ihnen erwartet wird, ihre Stimmen gegen die Verantwortlichen im gleichen Maße zu erheben und sie zu verurteilen, wie sie es mit Leichtigkeit und zügig bezüglich des Terrorismus getan haben. Und im Falle, dass ihre Behauptungen der Wahrheit entsprechen, mit ihren Stimmen einen Einfluss auf die Politik zu haben, sind sie gefordert, das menschenmöglichste zu tun, um die Schuldigen und Verbündteten des Staatenterrors zu entthronen. Und wenn sie nicht bereit sind, dieses kleine Opfer zu bringen oder ihnen das Schicksal anderer völlig gleichgültig ist, dann müssten sie sich vielleicht eingestehen, eine Teilschuld an der Tragödie unserer Zeit zu tragen.

Die eigentliche Tragik liegt jedoch darin, dass der Mensch die Geschichte, obwohl sie sich durch die Jahrhunderte hindurch wiederholt, erst begreift – oder begreifen lässt –  nachdem sie bereits in den Lehrbüchern steht, und es dann für jede Rettung  – oder Bestrafung – schon lange zu spät ist.


[1] al-Anfal, 61

[2] al-Baqara, 190

[3] Hierzu empfehle ich unter anderen die Bücher Das Schattenreich der CIA von Stephen Grey und Ich bin ein Deserteur von Joshua Key und Anne Emmert

[4] Lügen im Heiligen Land, 1998

[5] In den ersten drei Jahren des Irak-Kriegs wurden der Weltgesundheitsorganisation zufolge etwa 151.000 Zivilisten getötet. Die Zahlen fußten auf Hochrechnungen nach der Befragung von 10.000 irakischen Haushalten, teilte die WHO in Genf mit. Mitarbeiter des irakischen Gesundheitsministeriums hatten Ende 2006 und Anfang 2007 Haushalte in allen 18 Provinzen besucht.

[6] Spiegel-Online, 7. Februar 2006

[7] Anmerkung des Autors

[8] Wikipedia

[9] Quelle: tagesschau.de

[10] Quelle: Die Zeit

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