Monatsarchiv: Januar 2013

Erst Terrorist, dann Salafist, dann…

gitmodetainees-wikimediaEs ist erstaunlich, wie Politik und Medien es immer wieder schaffen, unsere Köpfe zu waschen. Noch erstaunlicher, dass wir es gar nicht mehr merken. Manchen scheint es sogar gleichgültig zu sein, dass sie vorsätzlich manipuliert werden und die Wahrheitsfindung ist schon lange keine moralische und ethische Notwendigkeit mehr weder für das Kollektiv noch für das Individuum.

Als sogenannter informierter Bürger dieses Landes, weiss ich, dass 99% der Bövelkerung vor weniger als 10 Jahren mit dem Begriff Salafismus nichts anfangen konnte. Sogar für mich als Muslim war das Wort lange Zeit nicht wirklich geläufig. Plötzlich jedoch ist das Wort nicht nur in aller Munde und auf jedem Stammtisch, sondern sogar eine bzw. die Bedrohung für die demokratische Gesellschaft.

Seit dem 11. September haben wir viele Ismuse kennengelernt: da gibt es den Islamismus, den Fundamentalismus, den Terrorismus, und nun haben wir das Geschwür Salafismus mit allen seinen Besonderheiten. Doch die eigentliche Gefahr für eine demokratische Gesellschaft ist der Automatismus. Da sich die eine Seite herausnehmen darf, arabische Begriffe eigens zu definieren, nehme auch ich mir ganz einfach das Recht mir meine eigenen Definitionen zurechtzulegen. Der Automatismus ist die geistige Unfähigkeit des Menschen Dinge zu hinterfragen und die völlige Hingabe an Obrigkeiten in Form der blinden Gefolgschaft und Gehorsams. Wenn die Anzahl der Individuen, die nicht von dieser Krankheit des Geistes betroffen sind, sich stetig verringert und ins Unbedeutende verliert, dann ist eine Gesellschaft wahrlich in Gefahr.

Inzwischen kenne ich auf Grund meiner bescheidenen arabischen und theologischen Kenntnisse die genaue Bedeutung des Begriffes Salaf, jedoch werde ich ihn hier nicht näher erläutern, da sich der kritische Bürger teilweise bereits damit auseinandergestzt hat, das Kollektiv jedoch eh nicht wirklich an der Wahrheitsfindung interessiert ist. Ich möchte in diesem Artikel weniger erklären, sondern dem Schlafenden an die Stirn klopfen.

Manchmal kommt es mir vor, als würde die Welt unter einer Massenhypnose stehen. Denn anders kann ich mir die Apathie und die Ignoranz der Massen einfach nicht mehr erklären. Und der 11. September 2001 ist in jeder Hinsicht ein Wendepunkt in der Geschichte. Der Krieg wurde wieder für die westliche so zivilisierte Welt ein angemessenes und notwendiges Mittel (selbst für radikale Pazifisten wie Anhänger der Grünen), zigtausende tote Zivilisten wurden zu Collateralschäden herabgestuft, Folter und Haft ohne Beweise und Anklage sind nicht mehr die Ausnahme, Gesetze werden ohne Zustimmung der Bevölkerung verabschiedet, Medien wurden zu Kriegstreibern und die Lügen der Verantwortlichen blieben ohne Konsequenzen.

Wo ist die Empörung? Der Aufschrei gegen diese unfassbaren Zustände? Sie hat sich scheinbar bei dem Salafisten entladen. Unter der Führung der Politik und den Medien sind wir wild entschlossen jedem Salafisten die Zähne zu zeigen, ihn zu verbannen und am besten auszumerzen. Wir sind die Kämpfer für die Gerechtigkeit und die Erhaltung unseres Friedens.

Man muss sich schon kneifen, um sicher zu gehen, nicht zu träumen. Was ist hier eigentlich los? Das ist oft das einzige, was ich noch sagen kann. Ich meine, der letzte Mensch auf dieser Welt hat mitbekommen, dass der Krieg im Irak auf Grund konstruierter und vorsätzlicher Lügen begonnen wurde. Wer waren die Lügner? Präsidenten und Minister. Was ist mit ihnen passiert? Nichts. Wurden sie verurteilt? Nein. Wurden sie entlassen? Nein. Wurden sie mit faulen Eiern beworfen? Nein. Doch. Ein Mann auf Seiten der Opfer hat Bush mit einem Schuh beworfen. Dafür sollte er auf Befehl des vermeintlichen Opfers mindestens 10 Jahre sitzen. Das kann einfach nicht wahr sein oder? Doch ein Traum.

Der 11. September ist bis heute ohne Beweis und ein Mysterium geblieben. Und als man den angeblich Schuldigen in Person von Usama bin Laden der Welt als Monster hätte vorführen und ihn in kollektiver Befriedigung bestrafen können, wurde der Unbewaffnete liquidiert und in größter Eile islamisch im Meer bestattet. Kann es wirklich sein, dass die Menschen diesen Unsinn glauben? Kein einziges Foto von dem größten Terroristen und Feindes des Jahrhunderts? Und diesem Monster wird von den Amerikanern eine islamische Seebestattung erteilt? Als relativ kundiger Muslim, weiss ich, dass üblicherweise der Leichnam eines Muslim ausser in Ausnahmefällen unter die Erde muss. Aber von dort könnte man ihn ja wieder ausgraben.

Es gibt seit dem 1. Tag der vermeintlich terroristischen Angriffe zu viele Unstimmigkeiten, als dass man sie einfach ignorieren könnte. Und selbst wenn man all diese Fakten als Verschwörungshumbuk abklären würde, reichten die offenbarten Lügen von Bush, Blair und Co. aus, vieles in Frage zu stellen.

Man hat sein Gewissen und seinen Verstand in die Hände der Obrigkeit gelegt. Sie denken für uns und sie geben vor, wann sich unser Gewissen gegen uns selbst erhebt. In dieser schnellen Welt der Schlagzeilenmentalität und Sensationsnachrichten ist das Hinterfragen ein Luxus und eine Frage der Zeit geworden. Nicht mehr die, der persönlichen Verantwortung und moralischen Pflicht. Bemerkenswert und zugleich beängstigend ist die Tatsache, dass offensichtliche Wahrheiten bzw. Lügen gar nicht mehr von der Gesellschaft zur Kenntnis genommen werden, im Sinne, dass Konsequenzen ausbleiben. Waren zigtausende Tote in Afghanistan und im Irak nicht genug, das Gewissen der werstlichen Welt zu erschüttern und ihre Führer im mindesten Falle in Frage zu stellen? Geschweige denn zu stürzen? Wo blieb das kollektive Entsetzen über Folter und die Käfighaltung von Guantanamo, zumal 100% der Gefangenen dort ohne ofizielle Anklage bereits seit 12 Jahren festgehalten werden. Dies können wir nur dulden, weil wir dem Westen glauben, dass dies dort Terroristen sind, und Terroristen keine Menschen sondern Monster sind. Natürlich sind es keine Väter, deren Kinder nachts nach ihrem Papi rufen. Auch keine Ehemänner, deren Frauen unendliches Leid ertragen. Auch haben sie keine Eltern, die ihre Kinder geistig begraben mussten. Nein, nur Menschen verdienen Menschlichkeit, und uns wurde gesagt, dass diese Wesen Terroristen sind.

Nein, was die Welt zur Zeit wirklich bewegt und erzürnt, sind Salafisten, die Bücher verteilen und überall Anschläge beinahe verübt hätten. Weil die meisten Terroristen in Sicherheit sind, braucht man nun einen neuen Feind und Sündenbock, und auch eine Ablenkung für die eigentlichen Probleme dieser Welt.

Ich persönlich bleibe dabei mich als Muslim zu bezeichnen und hatte jeher Schwierigkeiten mir zusätzliche Namen anzuhängen, obwohl mein Art des Islam auszuleben eher der salafistischen Richtung zuzuordnen wäre. Denn der salafistische Islam im Groben bedeutet nichts anderes, als den Islam auf Grundlage klassischer und authentischer Quellen zu interpretieren und auszuüben. Heutzutage ist der lange Bart ein Merkmal des Salafisten geworden, was absolut falsch und zugleich fatal ist. Es ist ein Merkmal des Muslims und somit wird ein Träger des desselbigen auf der Strasse nicht mehr als Muslim identifiziert sondern als Salafist und somit als ein Feind der Gesellschaft. Was wird nun von mir erwartet: dass ich mich verberge, indem ich meinen Bart kürzer schneide oder rasiere? Oder durch die Welt gehe und überall und jedem mich für mein Äußeres entschuldige mit dem Versprechen kein Salafist zu sein? Ich werde nichts davon tun, weil es falsch wäre. Nicht ich muss mich ändern, sondern diejenigen die das Öl ins Feuer gegossen haben, indem sie einen Teil der islamischen Welt dämonisiert haben. Ich bezweifele jedoch, dass sie es jemals tun werden, selbst dann nicht, wenn die erste Moschee brennt, was in Deutschland ohne größeren Schlagzeilen schon öfter geschehen ist. Auch hier: Empörung? Fehlanzeige

So wie man zuvor im Zuge der Terrorbekämpfung, auch jeden Freiheitskämpfer, Aufständischen, Rebellen, und oft auch nur den Kritischen als Terroristen nach neuer Definition erkannt und gebrandmarkt hat, so ist auch heute jeder Muslim mit Bart, langem Gewand und Schleier ein Salafist und Gefahr für die Gesellschaft. Diese Propaganda und Gehirnwäsche geht sogar soweit, dass Kindern in Schulen und Kindernachrichten[1] im Fernsehen der Unterschied zwischen einem Salafisten und dem normalen Muslim erklärt wird. Und den Kindern wird tatsächlich vermittelt, dass sie selber schon Salafisten an äußeren Mermalen erkennnen (und hassen) können. Mit anderen Worten: dieser spezielle Muslim ist kein Teil der Gesellschaft.

Die Muslime im Westen sollten nicht den Fehler machen, sich auf diesen Spaltungsversuch zwischen gutem und schlechtem Moslem bzw. moderatem und konservativem Islam einzulassen, um sich selber vor Anschuldigungen zu bewahren und anderern klarzumachen, dass man immer noch ein Teil dieser Gesellschaft ist. In meinen Augen hat man diesen Fehler bereits bei dem ersten ismus gemacht, indem man die falsche und ungerechte Definition des Terrorismus einfach übernommen und teilweise die Muslime in den eigenen Reihen nach diesen Vorgaben bewertet hat. Dadurch hat man die Aussonderung, Festnahmen und Verurteilungen vieler unschuldiger Muslime tragischerweise in Kauf genommen und teilweise sogar begrüßt. Der Terror nach gängiger Definition ist die Tötung Unschuldiger. Und man sollte sich nicht einreden lassen, dass das ein Problem und ein Merkmal des Islam wäre und die Tatsache erkennen, dass die Welt heute nur unter dem Staatsterror leidet und stirbt. Man sollte nicht seine Religion gegen die Akzeptanz in der Gesellschaft eintauschen, indem man Zugeständnisse macht, die man eigentlich nicht machen will. Oder etwas von der eigenen Religion verleugnet, um letztlich nur geduldet zu werden. Und wer weiß, vielleicht gibt es eines Tages wieder einen neuen ismus, den man gefordert ist zu verurteilen und zu verleugnen, und dabei noch ein Stück seiner Identität preis geben muss.

[1] http://www.tivi.de/fernsehen/logo/artikel/38623/index2.html